Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

2018-06-03_0656Berlin 03. Juni 2018 [Foto Bundespräsidalamt]
Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

We share the contribution of German Federal President Frank-Walter Steinmeier at the ceremony „Ten Years of the Memorial to Homosexuals persecuted under National Socialism“  Trans and intersex victims are mentioned with!

Nous partageons la contribution du président fédéral allemand Frank-Walter Steinmeier à la cérémonie „Dix ans du Mémorial des homosexuels persécutés sous le national-socialisme“. Les victimes trans et intersexes sont mentionnées avec!

Compartimos la contribución del presidente federal Frank-Walter Steinmeier en la ceremonia „Diez años de recuerdo de los homosexuales perseguidos bajo el nacionalsocialismo“. ¡Se mencionan transexuales e intersexuales!

Wir teilen den Beitrag des deutschen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Festakt „Zehn Jahre Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“. Trans und Intersex Opfer werden mit erwähnt! Link HP pdf  [BILDER unten]

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Der nachfolgende Text ist vom Bundespräsidialamt verbreitete Redemanuskript

„“Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz steht für uns Deutsche ganz am Anfang.

Es ist der erste Satz im ersten Artikel unserer Verfassung. EIn Satz, formuliert als Bollwerk gegen die Unmenschlichkeit. Dafür gab es wahrlich Grund. Denn die Würde des Menschen war angetastet, geleignet und verletzt worden – mit System und mit staatlichen Mitteln der Erniedrigung, Verfolgung, Folter und Mord, in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Deutsche haben millionenfach in Deutschland und in ganz Europa Menschen verschleppt und ermordet. Deutsche haben ganze Länder und Landstriche verwüstet und dabei tiefe Wunden im Gesicht Europas hinterlassen. Unser Land hat in diesen zwölf Jahren schwere Schuld auf sich geladen.

Und wer heute den einzigartigen Bruch mit der Zivilisation leugnet, kleinredet oder relativiert, der verhöhnt nicht nur die Millionen Opfer, sondern der will ganz bewusst alte Wunden aufreißen und sät neuen Hass. Dem müssen wir uns gemeinsam entgegenstellen.

Es ist wahr: Das aufrichtige Erinnern an diese schreckliche Zeit, vor allen Dingen an die Opfer und ihr Leid, das ist uns Deutschen nie leicht gefallen, weder im Osten noch im Westen. Es war ein langer Weg. Der Mantel des Schweigens lag jahrzehntelang über den Abendbrottischen und erstickte jede notwendige Diskussion.

Und ja: Irgendwann kam die Erinnerung dann doch nach Deutschland. Aber sie kam langsam. Sie kam etappenweise. Sie kam verspätet, für viele viel zu spät.

Heute ist die aufrichtige Erinnerung ein Eckstein unserer Identität. Leicht fällt sie uns trotzdem nicht. Viele Wunden von damals sind auch heute noch nicht verheilt. Viel zu oft gibt es auch heute wieder Anlass zur Wachsamkeit. Erinnern heißt auch: wach bleiben.

Deshalb ist es richtig, wenn heute jeder Stadtspaziergang rund ums Brandenburger Tor an Orten der Erinnerung vorbeiführt. Alle vier Denkmäler wurden von Bürgern eingefordert, auch dieses hier. Politik und Staat ließen sich oft lange bitten. Lieber Albert Eckert, lieber Günter Dworek, Sie beide können stellvertretend für viele die heute hier sind davon berichten.

Auch dank der Arbeit der Stiftung sind diese vier Erinnerungsorte heute zu wichtigen Symbolen des modernen Deutschland geworden. Zu Symbolen eines Landes, das auch seine dunkelsten Momente kennt und sie nicht verschweigt. Eines Landes, das immer wieder an das „Niemals wieder!“ denken möchte. Eines Landes also, das sich erinnern will.

Heute erinnern wir uns an die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Wir gedenken der vielen zehntausend Menschen, deren Privatheit, deren Leben, deren Liebe, und ja, deren Würde auf niederträchtigste Weise angetastet, geleugnet und verletzt wurden.

Wir gedenken der über 50.000 Männer, die nach dem nationalsozialistisch verschärften Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches verfolgt wurden. Sie wurden eingesperrt. Sie wurden vorgeführt. Ihre Existenzen wurden vernichtet. Man hat sie gefoltert, in Zuchthäuser und in Konzentrationslager geschickt. Tausende dieser Männer kamen ums Leben. Ihrer gedenken wir heute.

Wir gedenken auch der anderen Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer sexuellen Identität von den Nazis verfolgt und schikaniert wurden. Manche litten unter dem allgemeinen Klima aus Hass und Verachtung, weil sie zum Beispiel lesbisch waren, inter- oder transsexuell. Andere kamen aus anderen Gründen ins Visier: als Juden, als sogenannte Asoziale, als Teil der Swingjugend, als Sozialisten und als Kommunisten – und doch auch aufgrund ihrer Sexualität. Ihnen allen wurde Leid zugefügt. All ihrer gedenken wir heute.

Mit ihrem Hass wollten die Nationalsozialisten auch jene vielfältige Szene aus der deutschen Geschichte herausschneiden, die unser Land gerade im Berlin der Weimarer Jahre schon einmal bereichert hatte. Das geistige Erbe, die freiheitlichen Ideen von Karl Heinrich Ulrichs, von Johanna Elberskirchen und von Magnus Hirschfeld – sie galten als volksfeindlich und sollten wieder in der Kulisse der Geschichte verschwinden.

Diesem Wahnsinn fielen Unzählige zum Opfer, unzählige Leben wurden aus der Spur geworfen. Es ist gut, dass wir uns heute an sie erinnern.

Zu unserem Gedenken muss aber auch die Zeit nach 1945 gehören. Denn in der jungen Bundesrepublik, da gab es noch kaum jemanden, der es besonders eilig damit hatte, das Erbe von Hirschfeld wiederherzustellen. Für all diejenigen, deren Sexualität schon vor 1945 als eine Straftat galt, für sie persönlich war der 8. Mai 1945 nicht der Tag der völligen Befreiung.

Denn auch unter dem Grundgesetz waren sie weiterhin dem Paragraphen 175 ausgeliefert, wie auch in der DDR. In der Bundesrepublik galt er mit dem seit 1935 unveränderten Wortlaut weiter.

Mehr als 20 Jahre lang wurden zehntausende Männer in der Bundesrepublik noch nach dem Paragraphen 175 verhaftet, verurteilt und eingesperrt. Sie mussten sich weiter verstecken, wurden weiterhin bloßgestellt, haben weiterhin ihre wirtschaftliche Existenz riskiert. Oft genügte schon ein Ermittlungsverfahren.

Die neue freiheitliche Ordnung in unserem Land, sie blieb über viele Jahre für viele noch unvollkommen. Die Würde von Homosexuellen, sie blieb antastbar. Zu lange hat es gedauert, bis auch ihre Würde etwas gezählt hat in Deutschland. Und die Jahre bis dahin, sie waren für Opfer und Aktivisten ein langer Weg, mit mühseligen Auseinandersetzungen.

Unsägliches Leid haben Homosexuelle während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erfahren. Und auch nach 1945 blieb ihr Schicksal lange, zu lange verschwiegen.

Aber: Sich zu korrigieren, sich ehrlich an die Geschichte zu erinnern – und sich nötigenfalls auch zu entschuldigen, wenn Unrecht geschehen ist: das sind große Stärken der Demokratie.

Als Bundespräsident ist mir heute eines wichtig: Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Wir sind spät dran. Was gegenüber anderen Opfergruppen gesagt wurde, ist Ihnen bisher versagt geblieben. Deshalb bitte ich heute um Vergebung – für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte.

Wahr ist auch: Unser Land hat dazugelernt. Ich sehe heute viele hier bei uns, die dafür seit Jahrzehnten mit all ihrer Kraft gesorgt haben. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Erbe von Ulrichs, Elberskirchen und Hirschfeld trotz allem weiter gedeihen konnte. Ich finde, das ist gut für unser Land!

Fast 50 Jahre nach Stonewall, bald 40 Jahre nach den ersten Christopher Street Days in Deutschland, 17 Jahre nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz und ein Jahr nach der Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts steht für mich fest: Sie, liebe Engagierte und politisch Bewegte, vor allen Dingen Sie haben viel erreicht. Darauf können Sie stolz sein, und ich hoffe, dass wir es heute auch gemeinsam sein können!

Ihnen allen hier am Denkmal, und allen Schwulen, Lesben und Bisexuellen, allen Queers, Trans- und Intersexuellen in unserem Land, Ihnen allen rufe ich heute zu: Auch Ihre sexuelle Orientierung, auch Ihre sexuelle Identität stehen selbstverständlich unter dem Schutz unseres Staates. Auch Ihre Würde ist so selbstverständlich unantastbar, wie sie es schon ganz am Anfang hätte sein sollen.

Wir alle wissen: Es gibt noch einiges zu tun. Wir können uns nicht zufrieden zurücklehnen, wenn homophobe Beleidigungen heute wie selbstverständlich auf Schulhöfen zu hören sind. Wenn wir mit trauriger Regelmäßigkeit engagierte Menschen aus anderen Ländern auszeichnen müssen, die für ihr Ringen um elementare Menschen- und Bürgerrechte Leib und Leben riskieren.

Auch deshalb ist und bleibt es wichtig, dass wir immer wieder an unsere Gedenkorte kommen, dass wir hierherkommen, uns erinnern und im Erinnern unsere Verantwortung für das Heute erkennen.

Wir sind es der Würde der Menschen schuldig.

Vielen Dank.“

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